Ein Herz für Schweine

Schweine genießen oft noch ein fragwürdiges Image. Dabei sind die intelligenten Borstentiere absolut liebenswert.

Haben Schweine ein Imageproblem?

Sie gelten als Glücksbringer. Als Zeichentrickfigur Peppa Wutz sind sie – wie früher Schweinchen Dick oder Winnie Puuhs Begleiter Ferkel – in unzähligen Kinderzimmern zu Hause. Und ihre Spürnasen bescheren Feinschmecker*innen die edelsten Trüffel der Welt. Schweine sind faszinierende Tiere und ganz anders als ihr Ruf.

„Du Schwein“ ist eine recht rohe Beleidigung. Oder doch nicht? Ist dies nicht vielleicht sogar eher ein Kompliment? Es gibt doch wahrlich Schlimmeres als den Vergleich mit den putzigen Borstentieren. Denn wären wir nicht alle gern sozial, intelligent, reinlich und mit einem guten Gehör und einer feinen Nase gesegnet? Zugegeben: Hausschweine, die als domestizierte Form des Wildschweins eine Art mit ihm bilden, können gewöhnungsbedürftig duften. Aber dreckige Tiere sind sie nicht.

 

Das Schweineleben

Untersuchungen haben vielmehr gezeigt, dass Schweine sehr reinliche Tiere sind. Wenn sie die Möglichkeit dazu haben, richten sie ihren Kotbereich immer möglichst weit weg von ihrem Schlafnest ein. Und auch ihre Liebe zu feuchtem Schlamm macht sie nicht zu Dreckspatzen, ganz im Gegenteil. Mit dieser angeborenen Verhaltensweise reinigen und kühlen sie sich. Denn Schweine leiden leicht unter Hitze, bis hin zum Hitzschlag. Daher kontrollieren die Paarhufer, die keine Schweißdrüsen haben, ihre Körpertemperatur mit einer dicken Schmutzschicht und schützen sich so grunzvergnügt vor Sonnenbrand und Ektoparasiten.

In einigen Teilen der Welt gibt es auch heute noch frei lebende Schweinepopulationen, die aus verwilderten Hausschweinen hervorgehen. Die Allesfresser, die täglich vier bis neun Stunden lang nach Nahrung suchen, bevorzugen Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Mais. Sie fressen aber auch Mäuse, Larven, Würmer und Schnecken. Dabei kommen ihnen ihre Spürnase und ihr Allzweck-Gebiss zugute. Nicht umsonst werden die Tiere mitunter als „Drogen-“ oder „Trüffelschweine“ eingesetzt. Schnüffelnd durchsuchen sie mit drei Milliarden Riechsinneszellen – mehr als zehnmal so viele wie ein Hund – die Humusschicht im Wald oder auf Feldern und in Gärten. Pflanzliche Nahrung können sie mit ihren breiten Backenzähnen gut kauen und die vorderen scharfkantigen Zähne ähneln dem Gebiss von Raubtieren. Die wurzellosen Eckzähne des Ebers hören nie auf zu wachsen und ragen daher aus dem Maul heraus.

 

Schweine unter sich

Das Gebiss ist auch ein wichtiges Werkzeug bei Kämpfen mit anderen Schweinen, in denen sich die Tiere ihren Platz in der Rangordnung einer Rotte sichern. Wilde Schweine leben mit bis zu 20 Artgenossen zusammen, unter denen sie sich ihren Platz erstreiten müssen. Dies beginnt bereits in den ersten Tagen ihres Lebens, die die Ferkel mit ihrer Mutter abseits der Gruppe in einem eigens dafür gebauten Nest aus kleinen Ästen, Farnen und Blättern verbringen. Bestimmte Ferkel saugen immer an denselben Zitzen. Diese „Zitzenordnung“ prägt der Nachwuchs meist schon innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt aus. Die stärksten und größten von ihnen bekommen die begehrten vorderen Zitzen, die mehr Milch geben. Wenn der Wurf zusammenbleibt, behalten sie diese dominante Rolle in der Rangordnung auch mit den Jahren bei.

 

 

Dank dieser Rangordnung lebt die Rotte relativ konfliktfrei und in unterschiedlich engen sozialen Bindungen zusammen. Dabei spielt auch das Grunzen, das schon unsere Kinder liebend gern imitieren, eine wichtige Rolle. Denn die Tiere einer Rotte erkennen sich neben dem Geruch auch an ihren Lauten, die sehr viel vielseitiger sind, als wir meinen. Sie nehmen damit Kontakt auf, suchen andere Schweine und warnen sich vor Gefahr. Sie können aber auch Hunger, Angst oder Klagen mit eigenen Lauten ausdrücken, die ihre Artgenossen mit ihrem ausgezeichneten Gehör aufnehmen. Damit bleibt ihnen selbst das feinste Knacken eines Astes nicht verborgen. So wittern die schlauen Tiere die Gefahr – trotz eher mäßiger Sehkraft – frühzeitig und fliehen immer gegen den Wind. Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass die Eber und Sauen ähnlich intelligent wie manche Primaten sind.

Umso grausamer erscheinen die Bilder aus der Massentierhaltung, in der diese wunderbaren Tiere tagtäglich für unsere Ernährung derart leiden und sterben müssen. Doch das muss nicht sein, denn jede*r Einzelne kann etwas dagegen tun. Mit einer veganen Lebensweise oder zumindest regelmäßigen veganen Mahlzeiten: Weil jede Mahlzeit zählt.

Das Leben eines Mastschweins in Bildern: „Vom Schwein zum Schnitzel“, ZDF (Juli 2020)

Von Joscha Duhme, Redakteur beim Deutschen Tierschutzbund