Ein Herz für Schafe

Die meisten Menschen verbinden Schafe mit warmer Wolle oder dem Lammfleisch an Ostern. Doch die intelligenten und gewitzten Tiere sind ganz besondere Individuen, die uns noch überraschen können.

Dummes Schaf? Von wegen!

Oft werden Schafe als dumm bezeichnet. Völlig zu Unrecht, denn die kuscheligen Vierbeiner sind hochsensible Tiere, die einiges auf dem Kasten haben. Es wird Zeit, sie ein bisschen näher kennenzulernen.

Als eines der ersten Tiere wurden Schafe bereits vor etwa 11.000 Jahren aus dem Mufflon domestiziert. Sie sind von Natur aus Fluchttiere und haben dementsprechend extrem gute Sinnesorgane, die Superkräften gleichkommen: Ihr Sichtfeld umfasst 270 bis 320 Grad, sodass sie sehen können, ob sich hinter ihnen ein feindliches Tier befindet, ohne dass sie ihren Kopf dafür drehen müssen. Wusstest Du, dass Schafe einen exzellenten Geruchssinn haben? Das verschafft ihnen Vorteile in der Natur und macht sie zu absoluten Überlebenskünstlern: So können sie beispielsweise essbare von giftigen Pflanzen unterscheiden. Die Pflanzenfresser differenzieren ihre Nahrung außerdem mithilfe ihres Geschmackssinns und ihres guten Gedächtnisses. Sie merken sich, wie die jeweiligen Pflanzen schmecken, ordnen dieses Wissen kategorisch ein und bauen es stetig aus. Das hilft ihnen nicht nur bei der Nahrungsaufnahme, sondern auch, wenn sie krank sind. Durch diese mentale Kategorisierung wissen die Vierbeiner nämlich genau, welche Pflanzen ihnen helfen können, wenn es ihnen nicht gut geht.

 

Stille Wasser sind tief 

Vielleicht liegt es an ihrer stillen Art, dass Schafe oft für dumm gehalten werden. In der Tat geben sie kaum einen Laut von sich, wenn sie Schmerzen erleiden. Das liegt daran, dass sie Beutetiere sind – wenn sie durch Laute oder durch Humpeln Schmerzen zeigen, werden sie von Raubtieren als erstes gefressen. Dieses Verhalten sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ein voll vorhandenes Schmerzempfinden haben und hochsensible sowie intelligente Tiere sind. Schafe haben ähnlich ausgeprägte Fähigkeiten zur Gesichtserkennung wie Menschen und Primaten: Sie können sowohl menschliche Gesichter wiedererkennen als auch die von Artgenossen auseinanderhalten. Dank ihres besonders guten Gedächtnisses können sie sich etwa 50 andere Schafe merken und durch ihre kognitiven Fähigkeiten ihre verschiedenen Emotionen und Gesichtsausdrücke erkennen. Das macht Schafe zu sehr sozialen Herdentieren, was ihnen ermöglicht, Gruppen und soziale Hierarchien zu bilden. Wie auch wir verbringen sie am liebsten mit ihren Freund*innen sowie Familienmitgliedern Zeit und fühlen sich nur mit ihren Herdenmitgliedern wohl. 

 

Schafe sind Familientiere

Diese Gruppen sind für die Tiere sehr wichtig und sie reagieren sehr emotional, wenn sie von ihrer Herde getrennt werden. Das wird besonders deutlich, wenn sie sich in Isolation befinden, nervöse Laute von sich geben und nach ihrer Herde rufen. Schon bald nach der Geburt bilden Lämmer Spielgruppen und wirbeln tobend herum, was bedeutet, dass sie ihre Lebensfreunde mit anderen und ihrer Umgebung teilen. Auch wenn Schafe erwachsen werden, ist ihre emotionale Tiefe an bestimmten Verhaltensweisen wie zum Beispiel an der Positionierung ihrer Ohren ersichtlich. Sind sie angelegt, so befinden sie sich in einer unangenehmen Situation.

Bei Wut stellen sie Ohren auf und bei Überraschungen ist eines aufgestellt und das andere angelegt. Die horizontale Ohrposition entspricht einer neutralen Stimmung. Wird ein Schaf beispielsweise von seinem Lieblingsmenschen gepflegt, so entspannt sich die Ohrenpositionierung ebenso wie der Puls. Eine besonders intensive Bindung gehen Lämmer mit ihrer Mutter, Zibbe genannt, ein, die sie schon kurz nach der Geburt an ihrem Aussehen und ihren Lauten erkennen können. Selbst in großen Schafherden erkennen Lämmer ihre Mütter zuverlässig wieder. Schafe sind sehr empathische Wesen – die Mutterschafe säugen ihre Lämmer etwa 6 Monate lang, manchmal auch länger. Wenn sie die Möglichkeit haben, noch länger zusammenzubleiben, dann verbringen sie weiterhin viel Zeit miteinander.

 

Schafe brauchen Freiheit

Leider existieren diese Entscheidungsfreiheit und ein entspanntes Zusammenleben in der intensiven Tierhaltung nicht. Mutter und Kind werden dort oft schon nach wenigen Wochen voneinander getrennt, was emotionalen Stress für das Lamm und die Zibbe bedeutet. Jedes Tier einer Herde trägt mit seiner individuellen Persönlichkeit zum Wohlbefinden der Gemeinschaft bei. Wie der Mensch suchen Schafe sich Artgenossen, die besonders gut zu ihnen passen. Manche Schafe sind aktiv, manche ruhig und schüchtern, manche wild und mutig, andere wiederum besonders gesellig.

 

 

Doch gemeinsam ist allen Schafen, dass sie als sogenannte Nutztiere in der Landwirtschaft gehalten werden, damit Menschen an ihre Wolle, ihre Milch und ihr Fleisch kommen. Es wird Zeit, dass wir mit diesen liebevollen Tiere ein Miteinander beginnen, anstatt sie für unseren Vorteil auszubeuten. Es gibt wundervolle Alternativen zu Wollpullovern und Schafsmilch und auch Ostern kommt ohne Lammfleisch aus. Wenn Du Dich für die vegane Ernährung interessierst, dann findest Du unter www.tierschutz-genießen.de und auf unserer Rezeptseite viele Inspirationen.

 

Von Melanie Frommelius, Volontärin beim Deutschen Tierschutzbund