Vegan ins neue Jahr

Der Jahresbeginn ist die beliebteste Zeit für gute Vorsätze. Mit dem Vorhaben, häufiger vegan zu essen, tust Du nicht nur Dir Gutes, sondern auch den Tieren und der Erde.

Jahreswechsel in der Ausnahmesituation

Gute Vorsätze. In jedem Januar holen sie uns wieder ein und spätestens im Februar stehen sie oftmals wieder auf der Kippe. Nach einem Jahr 2020, das entgegen aller Erwartungen verlaufen ist, dürfte die individuelle Liste, ganz anders aussehen als zu den vorigen Jahreswechseln. Statt die vermeintlich überflüssigen Pfunde durch Sport und weniger Süßigkeiten zu bekämpfen oder diesmal aber wirklich die letzte Zigarette zu rauchen, wünschen sich viele Menschen in diesem Jahr die Rückkehr zur „Normalität“, den eigenen kleinen Laden über Wasser zu halten oder aus der Kurzarbeit zurückzukehren. Vielleicht hast Du Dir zu diesem Jahreswechsel vorgenommen, nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen wieder mehr Zeit mit Freund*innen und Familie zu verbringen, – wenn Du kannst – lokale Kleinkunstbühnen zu unterstützen und ehrenamtlich im Tierheim mitzuhelfen oder Restaurantbesuche und gemeinsame Ausflüge wieder mehr wertzuschätzen. Das Coronavirus hat uns vor Augen geführt, dass der Alltag, Wohlstand und die Gesundheit auch in unserer hochentwickelten und globalisierten Gesellschaft alles andere als selbstverständlich sind. Wir sind gezwungen innezuhalten, viele Aktivitäten zu reduzieren, Vorsicht für das eigene Wohl walten zu lassen und das unserer Mitmenschen solidarisch zu sichern. Dies ist eine der wertvollen Seiten der Ausnahmesituation. In dieser unfreiwilligen Pause machen sich viele Menschen zudem Gedanken, ob es nach dem Ende der Einschränkungen unmittelbar so weitergehen kann und darf wie bisher.

Tierschutz fängt im Alltag an

Denn unsere Welt krankt nicht nur am Virus. Sie ächzt auch unter den Folgen unseres scheinbar niemals gesättigten Strebens nach materiellem und wirtschaftlichem Wohlstand. Genau jetzt in diesem Moment sterben unzählige Arten aus und leidet der Planet unter unserem Raubbau an der Natur. So ohnmächtig, wie wir uns manchmal fühlen, wenn wir solche Nachrichten lesen, sind wir nicht. Jede*r von uns, davon ist der Deutsche Tierschutzbund überzeugt, kann etwas tun und ganz einfach ihren*seinen eigenen Beitrag für mehr Tier- und damit auch für Arten- und Klimaschutz leisten. Denn: Der Weg zu mehr Tierschutz fängt in unserem Alltag und insbesondere auf unseren Tellern an. Wie wäre es daher, neben all den anderen guten Vorsätzen, 2021 auch tierfreundlich zu gestalten und die leckeren Seiten der pflanzlichen Küche zu entdecken? So kannst Du etwas gegen die größten Tierschutzprobleme unserer Zeit tun, die sich hinter den Kulissen der landwirtschaftlichen Industrie abspielen. Du kannst etwas bewirken, etwas verändern und noch dazu kreativ und abwechslungsreich kochen.

Wildtiere sind eine erschreckend kleine Minderheit

Mit kleinen Handgriffen stellst Du heute nahezu jedes Deiner Lieblingsgerichte vegan her. Vielleicht brauchst Du am Anfang ein bisschen Geduld, aber es lohnt sich, sich auf etwas Neues einzulassen, den Geschmackssinn zu erweitern und im wahrsten Sinne des Wortes über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Wer behauptet, die vegane Küche bedeute puren Verzicht, sollte einmal den Duft von frischen Kräutern, Gemüse und Obst in der heimischen Küche entfalten lassen. In Kombination mit Kartoffeln, Nudeln, Reis und Hülsenfrüchten, verfeinert mit den Gewürzen aus aller Herren Länder, macht die Pflanzenvielfalt nicht nur satt, sondern lädt auch zum Genießen ein. Und das mit einem guten Gewissen, das den Vorsätzen für dieses Jahr einen zusätzlichen Schub verleiht. Denn Du kannst dazu beitragen, die Trends der globalen Fleischproduktion zu verlangsamen und mithilfe vieler Mitstreiter*innen sogar umzukehren. Diese hat sich in den letzten 50 Jahren nämlich mehr als verdreifacht und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erwartet, dass sie bis zum Jahr 2050 noch einmal um 85 Prozent steigen wird. Die Dimensionen, die damit einhergehen, sind so eindrücklich wie erschreckend. 60 Prozent der Säugetiere, die heute auf der Erde leben, sind vom Menschen gezüchtete „Nutztiere“ wie Rinder und Schweine. 36 Prozent sind wir Menschen selbst, aber nur vier Prozent Wildtiere. 70 Prozent aller weltweit lebenden Vögel fliegen nicht durch die Regenwälder oder ziehen im Herbst gen Süden, sondern leben in der Landwirtschaft. Schon heute benötigt die Industrie 77 Prozent des globalen Agrarlandes für die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern. Allein der Anbau von Futter-Soja nimmt weltweit 120 Millionen Hektar Ackerfläche ein – Tendenz steigend.

Pflanzliche Alternativen in Hülle und Fülle

Der Löwenanteil des Sojas wird also zu Tierfutter verarbeitet. Der weitverbreitete Glauben, Veganer*innen würden mit ihrem Verzehr von Sojaprodukten zur Zerstörung der Regenwälder beitragen, stimmt nicht. Nur etwa zwei Prozent des weltweit produzierten Sojaschrots dienen dem menschlichen Speiseplan. Die Pflanzen, die in Tofu, Sojadrink und Co. verarbeitet werden, stammen zumeist ohnehin aus europäischem Anbau, haben häufig Bio-Qualität – und laden zum Experimentieren in der Küche ein. Die Super- und Drogeriemärkte bieten zahlreiche Milchalternativen auf Sojabasis an, ebenso wie verschiedene Alternativen von Joghurt, Quark und Sahne. All das ist auch auf Hafer-, Mandel-, Reis- und Cashewbasis erhältlich. Bei dieser großen Auswahl ist für jeden Geschmack etwas dabei, und Du kannst die Varianten problemlos statt Kuhmilch im Kaffee, im Müsli oder auch im Teig für Kuchen, Pfannkuchen oder Waffeln verwenden. Mit Kokosmilch kannst du Aufläufen oder Soßen eine exotische Note, mit Hafer- und Sojasahne-Alternativen einen nussigen Geschmack verleihen. Zum Überbacken von Gemüse oder selbst gemachter Pizza eignen sich unter anderem pflanzliche Käse-Alternativen, die inzwischen ebenfalls in allen größeren Supermärkten zu finden sind.

Essend die Welt retten

Mit etwas Neugier und Entdeckergeist sind der pflanzlichen Küche keine Grenzen gesetzt. Du kannst bekannte deutsche Hausmannskost ebenso abwandeln wie traditionelle asiatische, afrikanische oder orientalische Gerichte. Ob Du es leicht oder deftig magst, süß oder salzig, alles ist möglich: Wie einfach das ist, zeigt der Deutsche Tierschutzbund mit seinem Kochbuch „Tierschutz genießen“. Von der schnellen Mahlzeit bis hin zu anspruchsvollen Gerichten enthält es 80 leckere vegane Rezepte von 35 prominenten Köch*innen für jede Gelegenheit. Ob schnelle Woknudeln, exotisches Ratatouille, Steinpilz-Polenta, Hot Chiliburger oder Kartoffel-Kürbis-Gulasch, die köstlichen Kreationen sind wahre Gaumenfreuden. Und sie schonen die Natur, anders als die Fleischproduktion. Die Gewinnung von neuen Weideflächen ist in Argentinien für 45 Prozent und in Brasilien sogar für über 80 Prozent der Abholzung der Regenwälder verantwortlich. Mit jedem gefällten Baum entfällt Lebensraum von Wildtieren und fehlt eine über Jahrzehnte gewachsene Pflanze, die Kohlenstoffdioxid bindet. Steigt dessen Konzentration in der Atmosphäre jedoch, trägt dies zur Erderwärmung bei, die sich nicht nur in den Polarregionen bereits auf das Leben unzähliger Tierarten auswirkt. In der Kombination mit dem Ausstoß klimarelevanter Gase durch den landwirtschaftlichen Anbau, die Tierhaltung sowie die Produktion und den Transport von Lebensmitteln stellt der landwirtschaftliche Sektor somit eine Doppelbelastung für die Umwelt dar. Von den Emissionen, die direkt durch die Lebensmittelproduktion verursacht werden, sind 70 Prozent auf tierische und nur etwa 30 Prozent auf pflanzliche Lebensmittel zurückzuführen.

Jede Mahlzeit zählt

Angesichts solcher Zahlen und der immer wieder schockierenden Bildern aus der landwirtschaftlichen Tierhaltung, in der Enge, Anbindehaltung, Hochleistungszucht, Kastenstände, Kastrationen und Enthornungen statt Wiesenidylle an der Tagesordnung sind, fällt es doch gar nicht so schwer, sich einfach mal an die bunte und leckere Welt veganer Gerichte heranzutasten. Wie bei jeglichen guten Vorsätzen – alle, deren Fitnessstudio-Mitgliedschaft eher passiver Natur ist, wissen ein Lied davon zu singen – liegt die größte Herausforderung darin dranzubleiben. Du weißt selbst am besten, wie Dir das gelingen kann. Setze Dir ehrgeizige, aber realistische Ziele. Einmal wöchentlich vegan zu kochen wäre ein Anfang? Oder wie wäre es mit einem komplett veganen Monat? Du könntest alle Kuchen in 2021 auf pflanzlicher Basis backen und Dich dazu von „Tierschutz genießen – Das Backbuch“ inspirieren lassen. Jeder erste Schritt zählt. Du brauchst noch etwas Extramotivation? Jeder Mensch hinterlässt auf dieser Erde einen ökologischen Fußabdruck. Dieser zeigt uns, wie groß die Fläche ist, die wir zum Leben brauchen und errechnet sich aus allen Ressourcen, die ein Mensch für den Alltag benötigt. Wer Fleisch von seinem Speiseplan streicht, reduziert seinen ökologischen Fußabdruck in Bezug auf Nahrung schon um die Hälfte – das wäre doch schon ein kleiner Anfang, der nicht nur den Tieren großes Leid erspart. Für uns ist es lediglich eine Mahlzeit, aber für die Tiere geht es um ihr Leben – und für die Welt um ihre Existenz.

Von Joscha Duhme, Redakteur beim Deutschen Tierschutzbund