Ein Herz für Hühner

Die sozialen und intelligenten Tiere werden oft unterschätzt.

Überraschend schlau

Sie machen den ganzen Tag nichts anderes, als im Staub zu scharren und nach Samen oder Insekten zu picken? Da lachen ja die Hühner. Die Tiere sind sehr sozial, intelligent und äußerst kommunikativ – und werden oft unterschätzt.

Wusstest Du, dass Hühner über 70 verschiedene Artgenossen an ihren Gesichtern erkennen können? Nein? Dann ist Dir womöglich auch nicht bekannt, dass die Tiere sehr gut hören können, obwohl ihre Ohren äußerlich kaum zu erkennen sind. Das hilft ihnen dabei, Gefahren wahrzunehmen und sich gegenseitig zu warnen. Dabei schlagen die Tiere nicht einfach hysterisch Alarm, wie es der Begriff vom „aufgeschreckten Huhn“ nahelegt. Sie informieren die anderen mit einem von mehr als 30 verschiedenen Lauten, damit diese wissen, ob die Bedrohung beispielsweise aus der Luft naht und sie in Deckung gehen müssen. Die zu den Fasanenartigen gehörenden Vögel haben also jede Menge auf dem Kasten und nutzen dies in freier Natur – wenn sie fernab der gigantischen Massenställe die Gelegenheit dazu haben.

 

Die Vorfahren der Haushühner leben in Asien

Mit etwa 20 Milliarden Exemplaren gelten Hühner als die häufigsten von Menschen gehaltenen Tiere. Die uns heute bekannten Haushühner, die die Industrie darüber hinaus zu immer effizienteren Legehennen und unnatürlich schnell wachsenden Masthühnern hochgezüchtet hat, blicken auf eine lange Domestikationsgeschichte zurück. Allein in Europa sind über 180 Rassen und Farbenschläge, also Untereinheiten von Rassen, entstanden. Als wilder Vorfahre aller Haushühner gilt das Bankivahuhn, das heute unter anderem noch in Vietnam, Laos, Kambodscha, Thailand, China, Pakistan sowie auf Bali lebt. Wer die Tiere dort beobachtet, kann gut erkennen, welche natürlichen Lebens- und Verhaltensweisen auch den Tieren angeboren sind, die der Mensch für die massenhafte Produktion von Eiern und Fleisch nutzt. Diese Haltung Tausender Vögel dicht an dicht in einem Stall ist allein auf wirtschaftliche Interessen getrimmt und hat nichts mit dem Leben der Hühner in freier Wildbahn gemeinsam.

 

Sozial, kommunikativ und gut organisiert

Denn dort leben sie in kleinen Gruppen bis hin zu größeren Gemeinschaften von etwa 50 Tieren zusammen. Darin kennen die sozialen Tiere sich alle untereinander und kommunizieren daher auch permanent. Beim Picken, Scharren und während der ausgiebigen Sandbäder gackern und krähen sie ohne Unterlass. Bei diesen wirbeln die Hühner zwar viel Staub auf, reinigen aber gleichzeitig ihr buntes Gefieder von Schmutz und Ungeziefer. An ländliche Ruhe ist also nicht unbedingt zu denken, wenn eine solche Gruppe fast schon familiär, aber auch wild gackernd miteinander lebt. Doch wie bei den Warnlauten verstehen die Vögel in diesem Wirrwarr genau, ob ihre Artgenossen aufgeregt, wütend, selbstbewusst oder legebereit sind und ob sie sie locken oder ihnen drohen wollen. Dank dieser ausgefeilten Kommunikation können sie auch ohne regelmäßige Rangkämpfe die sogenannte Hackordnung einhalten. Diese regelt wiederum, welchen Platz jedes Huhn in der Gruppe einnimmt. Das verhindert, dass die Tiere immer wieder neu klären müssen, wer zum Beispiel den schönsten Schlafplatz oder das beste Futter bekommt. Unter letzterem verstehen sie vorwiegend Insekten, Gräser sowie Samen. Und für ihren nächtlichen Schlaf suchen sich die tagaktiven Hühner gerne erhöhte Plätze wie Äste aus, obwohl sie sonst vorwiegend am Boden leben. So schützen sich die Tiere vor Jägern wie Füchsen.

 

Kavaliere mit Beschützerinstikt

Als Beschützer verstehen sich zudem die Hähne, die jeweils mit mehreren Hennen zusammenleben. Wenn es nicht ausreicht, die Weibchen zu warnen, verteidigen Hähne sie und das Revier in der Regel. Mit einem lauten Kikeriki zeigt jeder einzelne Hahn, dass die Gruppe zu ihm gehört und er gewillt ist, sie zu schützen. Doch Hähne sind nicht nur Aufpasser, sie können auch echte Gentlemen sein. Sie schlichten Streitereien zwischen den Hennen und unterstützen sie bei der Suche nach geeigneten Plätzen für den Nestbau. Während der Balzzeit putzen sich die Kavaliere darum besonders heraus. Dann tragen die Gockel ein auffälligeres Gefieder mit langen schillernden Schwanzfedern und Schmuckfedern am Hals. Dies währt jedoch nicht allzu lang, denn im Sommer verlieren sie sie wieder. Dann erinnert ihr sogenanntes Ruhekleid eher dem schlichten braunen Gefieder der Hennen. Haushähnen wurde dieser Gefiederwechsel übrigens vollkommen weggezüchtet. Sie sind ganzjährig „herausgeputzt“, so wie Haushühner auch entgegen natürlichen Verhaltens das ganze Jahr über beinahe täglich Eier legen.

 

Erste Bindung zwischen Henne und Küken schon vor der Geburt

Bankivahühner hingegen legen ihre Eier – wie andere wilde Vogelarten auch – nur zur Fortpflanzung, zwei bis dreimal pro Jahr. Bevor es so weit ist, ziehen sich die Hennen von ihren Gruppen zurück und suchen sich zum Beispiel eine ruhig gelegene Mulde für den Bau eines passenden Nestes. Diese Kinderstube polstern sie mit Federn, Heu und Blättern aus, damit die Küken geschützt im Ei heranwachsen und die Schale knacken können, bevor sie es dann richtig gemütlich haben. Bereits durch die Eihülle nehmen Henne und Küken Kontakt zueinander auf und bauen die enge Bindung weiter aus, sobald die Jungtiere nach etwa drei Wochen geschlüpft sind. Dann lassen sich Mutter und Küken gegenseitig nicht mehr aus den Augen und der flauschige, piepsende Nachwuchs folgt ihr überall hin. So erlernen die Küken von ihr das richtige Hühnerverhalten und können oft bereits nach acht Tagen von Ast zu Ast flattern. Die männlichen Tiere entwickeln sich schnell zu Junghähnen und bleiben bis zur nächsten Brutsaison in der Gruppe, bevor sie sich ein neues Territorium suchen. Nach etwas mehr als zwei Monaten erleben sie eine Art Stimmbruch und können anschließend umso kräftiger krähen – bis zu zwölf Jahre lang. Denn so alt können Hühner werden.

 

Umso grausamer erscheinen da die Bilder des Kükentötens, dem Millionen männliche Küken in der Legehennenhaltung bereits am ersten Lebenstag zum Opfer fallen. Oder aus den riesigen Ställen, in denen Zehntausende dieser wunderbaren Tiere tagtäglich auf engem Raum für unsere Ernährung gemästet werden, damit sie schon nach wenigen Wochen qualvollen Lebens schlachtreif sind und auf unwürdige Weise transportiert und getötet werden. Doch dieses Leid muss nicht sein, denn jede*r Einzelne kann etwas dagegen tun. Mit einer veganen Lebensweise oder zumindest regelmäßigen veganen Mahlzeiten: Weil jede Mahlzeit zählt.

Von Joscha Duhme, Redakteur beim Deutschen Tierschutzbund