1. Hühner geben sowieso immer Eier.
Wild lebende Hennen legen jährlich maximal 40 Eier – in der Landwirtschaft sind es 320. Das liegt daran, dass die Tiere auf Hochleistung gezüchtet wurden, um möglichst viel Profit einzubringen. Das hat für die Hühner gravierende Konsequenzen: Oft leiden sie unter Eileiterentzündungen und Osteoporose, also brüchigen Knochen. Die künstliche Beleuchtung manipuliert darüber hinaus ihren Legerhythmus. Sie täuscht den Legehennen vor, dass das ganze Jahr lang Sommer sei, die Saison, in der sie in der Natur auch Eier legen würden. Diese Methode beeinflusst ihren Zyklus unnatürlich und sie legen viel mehr Eier, als natürlich wäre.
2. Für Eier und Eiprodukte sterben und leiden die Tiere nicht.
Da der männliche Nachwuchs von Legehennen keinen wirtschaftlichen Nutzen hat, weil er nicht so schnell Gewicht ansetzt wie sogenannte Masthühner, wurden bis Ende 2021 jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken vergast oder geschreddert. Seit dem 1. Januar 2022 ist das Kükentöten verboten. Erlaubt ist allerdings die Geschlechtsbestimmung im Ei. Dabei selektieren Tierhalter*innen schon vor dem Schlupf die männlichen Embryonen und töten sie. Gesetzlich ist dies bis zum zwölften Bruttag erlaubt. Doch schon ab dem siebten Tag ist es nicht ausgeschlossen, dass sie Schmerzen empfinden. Derzeit setzt aber keine etablierte Technologie früher an. Aus Tierschutzsicht sollten die Tiere und ihre Erzeugnisse ungeachtet der Methode nicht als Produkte angesehen werden. Wenn Du mehr über die Schattenseiten der Eierproduktion erfahren möchtest, dann schaue gerne in den Artikel „Die Übriggebliebenen“ in DU UND DAS TIER, das Magazin des Deutschen Tierschutzbundes, rein.
Darüber hinaus leiden die Hühner, die die Eier für den menschlichen Konsum liefern müssen, in der Landwirtschaft meist unter tierschutzwidrigen Haltungsbedingungen. Ihr Bedürfnis ist es, in einer kleinen Gruppe von bis zu 40 Tieren zu leben. In der Landwirtschaft müssen sie es oft mit mehreren Tausend Tieren zusammengepfercht auf engem Raum aushalten. Unter diesen Umständen können sie ihre natürlichen sozialen Strukturen oft nicht aufbauen, erkennen einander nicht wieder und leiden unter Stress. Da die Hennen ihren natürlichen Bedürfnissen nicht nachkommen können, entwickeln sie Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus.
Die gängigste Haltungsform ist die Bodenhaltung, bei der die Tiere keinen Ausgang ins Freie haben. Noch schlimmer ist die Kleingruppenkäfighaltung: In Deutschland müssen noch fünf bis sechs Prozent aller Legehennen auf Gitterstangen ausharren. Dort können sie nicht mal ihre Flügel ausbreiten. Die Käfige sind noch bis Ende 2025 erlaubt und in Ausnahmefällen sind sie sogar bis 2028 gestattet. In welchen Produkten sich Käfigeier verstecken, kannst Du in unserem Artikel „Achtung: Versteckte Käfigeier im Einkaufskorb“ nachlesen.
Unter guten Bedingungen können Hühner bis zu zehn Jahre alt werden. Doch sobald in der Ei-Industrie die Legeleistung der Legehennen nachlässt und sie ausgelaugt sind, werden sie getötet. Das passiert schon nach etwa anderthalb Jahren – sowohl in der Boden-, Freiland- als auch in der Biohaltung.
3. Eiprodukte aus „artgerechter Haltung“ sind tierfreundlich.
Bei dem morgendlichen Frühstücksei denken vermutlich die wenigsten Menschen an das Tier, welches für dieses Produkt gezüchtet, gehalten und genutzt wird. Gesellschaftlich haben die Tiere in der Landwirtschaft nur einen wirtschaftlichen Wert. Dass sie fühlende Lebewesen sind, die leben möchten, lassen wir dabei meist außer Acht. Gleiches gilt beispielsweise für Eier aus „artgerechter Haltung“. In den meisten Köpfen besteht das Bild purer Idylle: Hühner, Rinder und Schweine, die viel Platz haben und ein glückliches Leben führen. Tatsächlich haben die Tiere oft mehr Platz, bekommen die Gelegenheit, Zeit an der frischen Luft zu verbringen, und werden unter besseren Bedingungen gehalten als ihre Artgenossen in einem konventionellen Betrieb. Auf eine bessere Haltung zu setzen und zum Beispiel zertifizierte Bio-Eier zu verzehren, ist daher ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Tierschutz. Doch die rein positive Vorstellung glücklicher Tiere entspricht leider nicht immer der Realität. Und vor allem: Auch bei der Bio- und „artgerechten“ Haltung werden die Tiere genutzt und getötet. Ein Aspekt, den diese romantische Vorstellung grasender Tiere nicht mit einschließt.
Vergleichen wir unsere Einstellung den sogenannten Nutztieren gegenüber mit der zu unseren Heimtieren, werden die Unterschiede klar. Selbst wenn unser Hund, unsere Katze oder unser Kaninchen es bei uns zu Hause gut hatten, würden wir es niemals zulassen, dass sie irgendwann für unseren Nutzen getötet werden. Diese Gegenüberstellung scheint vielen radikal – schließlich betrachten wir die Tiere unter unserem Dach als Familienmitglieder. Wir geben ihnen Namen, Nahrung und Liebe. Doch was rechtfertigt die völlig andere Bewertung der Tiere in der Landwirtschaft? Auch sie möchten leben und sind genauso liebenswert wie unsere Haustiere. Für diese Unterscheidung aufgrund der Spezies existiert ein Begriff: Speziesismus. Es liegt an uns, unsere Perspektive zu ändern und umzudenken.
4. Eier sind unersetzlich für traditionelle Gerichte.
Oftmals argumentieren Menschen mit Tradition gegen den Veganismus. Sie vertreten die Einstellung, dass alte Rezepte verschiedener Kulturen ohne tierische Produkte nicht möglich seien. Dabei sind viele traditionelle Rezepte, die in der ärmeren Bevölkerungsschicht entstanden sind, ursprünglich vegan. Schließlich waren tierische Produkte oftmals teurer als pflanzliche. Mit einfachen und vor allem günstigen Mitteln erschufen Menschen Kreationen, die uns heutzutage noch in der Heimat oder auf Reisen begeistern. Gerade pflanzliche Lebensmittel konnten die Menschen sich leisten, sie selbst herstellen und die Rohstoffe dafür sogar selbst anbauen. Reist du beispielsweise nach Polen, so findest Du an jeder Ecke Restaurants mit Pierogi, also Teigtaschen. Mit steigendem Wohlstand kamen zwar immer mehr tierische Produkte in die Füllung, doch eine der gängigsten Varianten sind Pierogi mit Kraut. Auch Ei gehört nicht in den Teig, da er sich ohne wunderbar hält. Ebenso sind verschiedene Krautsorten wie Weißkohl, Hülsenfrüchte wie weiße Bohnen und Getreidesorten wie Buchweizen ein zentraler Bestandteil der lokalen Küche.
Das Gleiche gilt für die asiatische Kochkunst: Zwar halten viele Menschen hierzulande Tofu für ein Ersatzprodukt, doch es war schon immer wichtiger Bestandteil der asiatischen Kultur und ein eigenständiges Produkt. Eine Reise durch Indien oder Marokko beweist zudem, dass Gerichte wie Dal oder Tajine in vielen Restaurants ohne tierische Zutaten angeboten werden. Dementsprechend ist es leicht, auch in alteingesessenen Lokalen rein pflanzliche Köstlichkeiten zu bekommen. Und solltest Du in Österreich Lust auf ein Wiener Schnitzel haben, so mangelt es nicht an Möglichkeiten, dieses pflanzlich zuzubereiten. Tradition und Veganismus stellen keinen Widerspruch dar. Aus Respekt zu den Tieren interpretieren wir die Rezepte lediglich neu, ohne an Geschmack, Kultur oder Geschichte zu verlieren.
5. Eier sind unverzichtbar für die Gesundheit.
Proteine sind wichtige Bestandteile unseres Körpers, ihre Grundbausteine sind die Aminosäuren. Dabei werden zwei Arten unterschieden: Es gibt einerseits die nicht-essenziellen Eiweiße, welche unser Körper selbst herstellt, und andererseits die essenziellen Proteine, die wir über die Nahrung aufnehmen müssen. Darüber hinaus existieren in der Ernährungswissenschaft verschiedene Methoden, um Proteine miteinander zu vergleichen. Ein Beispiel dafür ist die biologische Wertigkeit. Mithilfe dieser Maßeinheit lässt sich ermitteln, wie gut unser Körper Proteine aus der Nahrung in körpereigene Eiweiße umsetzen kann. Ausschlaggebend dafür ist, wie hoch der Gehalt an essenziellen Aminosäuren ist, die unserem Bedarf entsprechen. Die sogenannte Bioverfügbarkeit beschreibt, wie sehr die Zusammensetzung an Aminosäuren eines Lebensmittels der des Menschen entspricht. Je mehr sich die Aminosäure-Zusammensetzung der Proteine eines Produkts mit der unseres Körpers ähneln, umso förderlicher ist das für die Umsetzung in unserem Organismus.
Da die Proteine tierischer Produkte unserem Körper mehr ähneln als die pflanzlicher Lebensmittel, ist die Bioverfügbarkeit tierischer Proteine höher. Dies gilt oft als Argument gegen die vegane Lebensweise und Hühnereiweiß als eine vollständige Proteinquelle. Doch hierbei geht unter, dass es auch pflanzliche Proteine mit einer sehr hohen biologischen Wertigkeit gibt. Die der Sojabohne ist sogar vergleichbar mit der von tierischen Proteinen. Auch Quinoa besitzt alle essenziellen Aminosäuren und gilt laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als mit dem Milchprotein vergleichbare Proteinquelle. Eier sind für die Gesundheit dementsprechend nicht nötig. Interessiert Dich das Thema, so kannst Du Dich in entsprechenden ernährungswissenschaftlichen Ratgebern oder bei Deiner Ärztin oder Deinem Arzt informieren.
6. Vegane Ei-Alternativen schmecken nicht und sind teuer.
Ob das Ei im Rührei oder im Omelette – für viele Menschen ist dieses tierische Produkt ein wichtiger Bestandteil ihres Frühstücks. Veganen Alternativen stehen viele Menschen hingegen skeptisch gegenüber. Bevor sie es probieren, lehnen sie es oft bereits im Voraus ab. Dabei gilt für die vegane Ernährungsweise das Gleiche wie für die omnivore, welche pflanzliche und tierische Produkte enthält: Geschmack ist individuell und nicht alles schmeckt auch allen Menschen. Ob Ersatzprodukt aus dem Supermarkt oder zu Hause zubereitete Rezepte: Für Eier gibt es mittlerweile unzählige tierfreundliche Alternativen. Falls Du Tofu bisher langweilig fandest, kombiniere ihn mit leckeren Gemüsesorten, Kurkuma und Kala Namak. Du wirst sehen, dass Rührtofu eine unglaublich leckere Option für ein köstliches Frühstück ist. Auch selbst zubereitetes veganes „Spiegelei“ ist lecker. Wenn Du nicht so gerne kochst, findest Du im Super- und im Biomarkt eine große Bandbreite an veganen „Ei“-Produkten. Die Basis besteht oft aus Hülsenfrüchten, wie zum Beispiel Ackerbohnen. Sie haben meist einen recht unauffälligen Geschmack, sodass Du selbst nachwürzen kannst. Schmeckt Dir ein Produkt nicht, so probiere einfach das nächste. Die Auswahl ist riesig und hält für jede*n das Richtige bereit. Weitere Möglichkeiten, wie Du zu Hause Ei ersetzen kannst, findest Du auf unserer Seite zu veganem Ei-Ersatz.
7. Ersatzprodukte für Eier sind immer hochverarbeitet.
Veganen Produkten hängt der Ruf nach, voller Chemie und hochverarbeitet zu sein. Dabei vergessen viele Menschen oft, dass sie über tierische Produkte genau das gleiche Urteil fällen müssten. Schließlich sind Nudeln, Fertigkuchen und Süßigkeiten mit Ei ebenfalls verarbeitet. Und auch die Eier als solche stammen von Tieren, die schon lange nicht mehr ihren Vorfahren ähneln. Legehennen wurden auf Höchstleistung gezüchtet, geben viel mehr Eier, als sie natürlicherweise sollten und leiden unter Krankheiten. Dieses System ist alles, aber nicht natürlich. Grundsätzlich sagt die vermeintliche Natürlichkeit zudem nichts darüber aus, ob der Verzehr eines Produkts ethisch vertretbar oder für uns sinnvoll ist. Bei einem Spaziergang im Wald würden wir schließlich auch nicht alles essen, was wir finden. Die Gefahr, sich eine Vergiftung zuzuziehen, ist viel zu hoch. Und auch traditionelle Lebensmitteltechniken wie das Fermentieren und das Räuchern stellen die meisten Menschen nicht infrage. Auch dabei handelt es sich um chemische Prozesse, um sowohl tierische als auch pflanzliche Lebensmittel haltbarer zu machen oder ihnen einen anderen Geschmack zu verleihen.
8. Ich könnte niemals auf Eier verzichten.
Um die Tiere konsequent zu schützen, müssen wir unsere Ernährungsgewohnheiten anpassen. Doch viele Menschen hängen zu sehr an ihrem täglichen Frühstücksei und anderen tierischen Produkten, die ihren Alltag bestimmen. Dabei rückt für sie völlig in den Hintergrund, dass sie zwar die Wahl haben, sich für dieses Essen zu entscheiden, doch die Tiere haben kein Mitspracherecht. Was täglich auf unseren Tellern landet, ist also nur scheinbar unsere eigene Sache. Nicht Veganer*innen diktieren der Gesellschaft, wie sie zu leben hat, vielmehr schreibt die Gesellschaft Tieren tagtäglich vor, dass sie nicht leben dürfen. Ist das ethisch vertretbar? „Leben und leben lassen“ ist das Motto der veganen Bewegung. Menschen, die auf tierische Produkte verzichten, möchten nicht länger für andere Lebewesen mitentscheiden und für ihr Leid und ihren Tod verantwortlich sein. Schließlich endet die eigene Freiheit dort, wo wir die anderer einschränken oder sie ihnen gar wegnehmen.
Von Melanie Frommelius, Redakteurin beim Deutschen Tierschutzbund