Das Ferkel erblickt das Licht der Welt in der kargen und traurigen Umgebung einer sogenannten Abferkelbucht. Das sind Metallkäfige, auch Kastenstände genannt, in denen das Muttertier sein halbes Leben lang eingepfercht ist. Hier liegt die Sau fixiert auf Kunststoffrost, kann sich weder frei bewegen noch umdrehen. Für ihren Nachwuchs kann sie in dieser Situation nicht sorgen. Dabei sind Sauen äußerst gute Mütter: In der Natur würde das Tier selbst ein Nest bauen, bevor es seine Ferkel zur Welt bringt. Es würde ihnen Wärme spenden und sich aufopferungsvoll um die Kleinen kümmern.
In der industriellen Tierhaltung gibt es für diese Liebe keinen Platz: Damit die Sau ihre Ferkel nicht aus Versehen in dem engen Stall erdrückt, muss sie tagein tagaus nahezu unbeweglich in einem starren Gerüst verharren. Das macht das Tier krank: Sie leidet beispielsweise unter abgeschürften Stellen auf der Haut, Druckstellen, wenn nicht gar Geschwüren im Schulterbereich, hat eine gestörte Verdauung, erkrankt an ihren Gliedmaßen, am Harntrakt und an ihrer Gebärmutter. Meist bekommt die Sau kein geeignetes oder nicht ausreichend Material, um ein Nest zu bauen. Kann sie dieses dringende Bedürfnis nicht erfüllen, kann sich das negativ auf die bevorstehende Geburt auswirken. Erlaubt ist diese Tierquälerei noch bis zum 9. Februar 2036. Ab dem darauffolgenden Jahr muss eine Sau die Möglichkeit bekommen, in ihrer Bucht frei laufen zu können, darf aber fünf Tage vor und nach der Geburt weiterhin im Kastenstand fixiert werden.
Ihrem Nachwuchs ergeht es ebenfalls nicht gut: Eine Sau wird in der heutigen Landwirtschaft dermaßen auf Höchstleistung gezüchtet, dass sie mehr Ferkel wirft als noch vor Jahrzehnten. Ihre Nachkömmlinge sind demnach bei der Geburt oft zu leicht und zu schwach zum Saugen. Da die Mutter außerdem zu wenig Zitzen für so viele Ferkel hat, kann sie die Neugeborenen nicht ausreichend mit Milch ernähren. In manchen Fällen kommen überzählige Tiere zu einer anderen Sau, die weniger Nachwuchs hat. Dennoch überleben viele Ferkel den Kampf um Milch nicht, wenn die Tierhalter*innen sich nicht rechtzeitig um sie kümmern. Entweder sie verenden kläglich oder werden getötet. Eine besonders perfide Methode stellt hier eine mit Kohlenstoffdioxid gefüllte Box dar. Das Ferkel muss darin mindestens zehn Minuten auf das endgültige Einsetzen seines Todes warten. Bewusstlos wird es erst nach ein bis zwei Minuten und erleidet bis dahin unvorstellbare Qualen.
Für den Profit verstümmelt
Schweine sind äußerst intelligent und neugierig, entdecken am liebsten ihre Umgebung und sammeln ständig neue Eindrücke. In der kargen, langweiligen Umgebung der Ställe entwickelt das Schwein dementsprechend massive Verhaltensstörungen. So kann es vorkommen, dass es aus Verzweiflung, Langeweile oder wegen anderer Stressfaktoren in die Schwänze seiner Artgenossen beißt. Dieser Kannibalismus entsteht nicht, weil es aggressiv ist, sondern weil ihm jegliche Beschäftigung fehlt. Statt ihm später mehr Raum sowie Beschäftigung zu bieten und ihm die Ausübung seiner Bedürfnisse zu ermöglichen, führen Tierhalter*innen bei dem neugeborenen Ferkel eine brutale Prozedur durch: Sie schneiden ihm bis zum Alter von drei Tagen ohne Betäubung den Schwanz ab. Nach dem Eingriff erhält das sensible Tier kein Schmerzmittel. Dieses routinemäßige Schwanzkupieren ist vonseiten der EU schon seit über 30 Jahren verboten. Da aber Profit über dem Tierschutz steht, führen Landwirtinnen und Landwirte diese grausame Praxis nach wie vor straffrei durch.
Verletzungen möchten sie auch durch das Abschleifen der scharfen Eckzähne des Ferkels vermeiden. Da die Sau mehr Ferkel gebärt, als sie Zitzen hat, kämpfen die Jungtiere um Zugang zu Milch. Statt das auf Höchstleistung basierende System anzupassen, wenden Tierhalter*innen diese tierschutzwidrige Methode an. In 90 Prozent der Fälle geht das Abschleifen nicht sachgerecht vonstatten und die Pulpa wird verletzt. Das ist ein höchst empfindlicher Nervenbereich im Zahn, der freigelegt wird, was dem Ferkel unvorstellbare Qualen bereitet. Dem Betrieb ist das gleichgültig – weder Betäubung noch Schmerzmittel sind vorgesehen. All das geschieht unter dem Deckmantel des Tierschutzgesetzes.
Die Kastration, die ein männliches Ferkel über sich ergehen lassen muss, führt die konventionelle Schweinehaltung endgültig ad absurdum: Wenige Menschen vernehmen nach dem Erhitzen von Schweinefleisch den sogenannten Ebergeruch. Da dieser unerwünscht ist, muss das kleine Tier bereits in seinen ersten Lebenstagen einen extrem belastenden und riskanten Eingriff ertragen. Das Betriebspersonal dreht das Tier auf den Rücken, fixiert es und schneidet dann die Hoden weg. Noch bis Ende 2020 war dieser Eingriff ohne Betäubung erlaubt. Doch auch mit Betäubung und Schmerzmittel drohen Nachblutungen sowie Infektionen. Diese Praxis bereitet dem Tier nicht nur viel Stress, sondern ist schlichtweg überflüssig: Beispielsweise hat sich eine Impfung gegen den Ebergeruch als erfolgreich erwiesen, wird aber von der Industrie blockiert.
In der Natur entwöhnt eine Sau ihre Ferkel erst nach 13 bis 17 gemeinsamen Wochen. In der industriellen Tierhaltung trennen Landwirtinnen und Landwirte die Tiere bereits nach drei bis vier Wochen, was für das Kleine viel zu früh ist. Dadurch haben die Ferkel ein schwächeres Immunsystem und die frühe Trennung bedeutet großen Stress. Da es in diesem Alter noch bei der Sau saugen möchte, fehlt ihm nun die Mutter, bei der es dieses Bedürfnis stillen kann. Der Trennungsschmerz macht sich sowohl bei der Sau als auch bei ihrem Nachwuchs bemerkbar: Beide sind rastlos, verhalten sich unruhig und rufen nacheinander.
Im Aufzuchtstall wächst das Ferkel anschließend mit anderen gleichaltrigen Tieren auf sogenannten Flatdecks auf. Das sind Buchten, die in Mega-Zuchtanlagen übereinandergestapelt werden. Geeignetes Beschäftigungsmaterial muss vorhanden sein. Doch dieses ist meist nicht in ausreichender Menge da oder es ist nicht gut erreichbar, sodass die angeborene Neugier und das Bedürfnis zu spielen völlig auf der Strecke bleiben. Das Ferkel würde gerne toben, ihm fehlt dafür aber der notwendige Platz. Die meist fehlende eingestreute Liegefläche und der Boden aus Spalten erschweren das Rennen und das Tier kann hier kaum ruhen oder sich zurückziehen. Schließlich muss es sich zu Beginn mit bis zu sechs Ferkeln nur einen Quadratmeter teilen und stets vorsichtig gehen. Denn auf dem Vollspaltenboden kann es seine kleinen Klauen leicht verletzen. Sobald das Schwein das zarte Alter von zehn bis 15 Wochen erreicht und 30 Kilogramm wiegt, kommt es in den Mastbetrieb. Mit Pausen kann der Transport dorthin im Extremfall weit über 24 Stunden dauern – eine gesetzliche Begrenzung gibt es nicht.
Lebt ein Schwein nach seinem eigenen Willen, verbringt es gut 70 Prozent des Tages mit der Suche nach Nahrung. Am liebsten steckt es seinen Rüssel in die Erde, wühlt nach Essbarem und entdeckt die Umgebung. Das soziale Tier macht fast alles zusammen mit seiner Rotte. Sein Drang, aktiv zu sein, ist enorm: Es wühlt im Schlamm, spielt mit seinen Artgenossen und legt täglich mehrere Kilometer zurück. Seinen Schlafplatz und den Bereich für seine Aktivitäten richtet das reinliche Tier möglichst weit entfernt von dem Areal, wo es kotet und uriniert, ein.
Die Tierhaltung drängt all diese natürlichen Bedürfnisse des Tieres völlig zurück. Es ist nun eines von den 20,9 Millionen Schweinen, die jährlich in Deutschland gehalten werden. 99 Prozent von ihnen müssen ihr Leben in der konventionellen Haltung fristen, 96 Prozent leben auf Spaltenböden. Der Mastbetrieb verfolgt nur ein Ziel: das Schwein so schnell zu mästen wie möglich, damit das Fleisch profitabel in den Verkauf gehen kann. Effizienz ist stets Priorität, was das Tier schmerzlich zu spüren bekommt. Dass das Schwein aufgrund der unnatürlichen Ernährung zwangsläufig Verdauungsprobleme, gar Geschwüre bekommt, nimmt die Wirtschaft in Kauf, denn das Wohlergehen des Tieres ist zweitrangig.
Das Schwein schläft, wo es uriniert, und es frisst, wo es kotet – sein Leben lang. Seine Exkremente fallen durch die Spalten in die sogenannten Güllegruben. Von dort aus steigen ammoniak- und schwefelhaltige Schadgase auf, welche bei dem Tier Atemwegserkrankungen und Schleimhautreizungen der Augen verursachen. Da das Tier ausgesprochen gut riechen kann, ist dieser Umstand besonders dramatisch.
Diese Zustände treiben das Schwein in die Verzweiflung: Es langweilt sich immens und entwickelt schwere Verhaltensstörungen. Beispielsweise beißt es in die Stangen der Umzäunung, da es nicht weiß, wie es sich sonst beschäftigen soll. Diese Ausweglosigkeit äußert sich zum Teil auch durch das sogenannte Trauern. Dabei sitzt das Tier regungslos auf seinen Hinterbeinen und lässt den Kopf hängen. Auch kannibalisches Verhalten ist möglich: Es beißt seinen Artgenossen in die Ohren oder in die kupierten Schwänze.
Nach nur einem halben Jahr Mast bringt das Schwein bereits 120 Kilogramm auf die Waage. Zum Vergleich: Ein Wildschwein ist mit etwa fünf Jahren ausgewachsen und wiegt erst dann bis zu 200 Kilogramm. Dieses viel zu rapide Wachstum sprengt die körperlichen Kapazitäten des Tieres völlig: Durch das Gewicht leidet es oft unter deformierten Gelenken und auch sein Stoffwechsel macht nicht mehr mit. Das gesamte Kreislaufsystem ist gänzlich überfordert. Zur Hilfe kommt dem leidenden Tier meist niemand, denn eine medizinische Versorgung wäre für den Betrieb nicht kosteneffizient. Die Schlachtung steht bevor.
Innerhalb Deutschlands darf der Weg zum Schlachthof bis zu acht Stunden in Anspruch nehmen. Geht es für das Tier ins Ausland, gilt diese zeitliche Grenze nicht mehr. Nach der Ankunft am Schlachthof kommt es mit seinen Artgenossen in den Wartestall, wo es sich ungefähr ein bis zwei Stunden erholen soll. Danach erwartet es entweder der Elektroschock oder die sogenannte CO₂ -Betäubung. Bei dieser kommen mehrere Schweine in eine Gondel, die in einen mit Kohlenstoffdioxid gefüllten Raum fährt. Die Gase reizen die Schleimhäute der Tiere, sie ringen um Luft, versuchen zu fliehen und sind erst nach bis zu 20 Sekunden betäubt. Einen wesentlich schnelleren Effekt hat die unter Strom stehende Zange, die das Tier sofort betäubt, falls alles nach Plan läuft. Fehlbetäubungen gehören dennoch dazu. Mit einem Bruststich verblutet das Tier schließlich.
Eigentlich könnte das Schwein zehn bis 20 Jahre alt werden.
All das muss das Schwein durchstehen, damit der Mensch Fleischprodukte verzehren kann. Doch es geht anders – vegan und tierfreundlich. Auf unserer Website findest Du Artikel und Tipps rund um die pflanzliche Lebensweise sowie zahlreiche Rezepte. Auch gedrucktes Infomaterial kannst Du ganz einfach über unser Bestellformular anfordern und wir schicken es Dir zu. Für mehr Informationen schau Dir unser multimediales Scrolly über das Leben eines Schweines in der industriellen Tierhaltung an.
Von Melanie Frommelius, Redakteurin beim Deutschen Tierschutzbund